Fahrradseilbahn am Fulda-Radweg


Ist das ein Aprilscherz ?

Es war Anfang April 2009, als ich bei einer Recherche für den Fulda-Radweg auf Wikivoyage das erste mal über die Fahrradseilbahn im Netz "stolperte." Anfangs hielt ich den Presseartikel für einen Aprilscherz. Nach weiterer Suche fanden sich aber weitere Quellen, die die Eröffnung der Bahn für Mai ankündigten. Als Fahrrad- und Seilbahnliebhaber interessierte mich die Sache natürlich. Im Frühjahr und Sommer war ich allerdings immer anderweitig beschäftigt. So setzte ich das Vorhaben, die Bahn zu besuchen, erst im Oktober um.

Die Idee

Das ungewöhnliche Transportmittel über die Fulda erschließt ein neues, landschaftlich sehr schönes Stück des R1 in der Fuldaschleife zwischen Binsförth und Beiseförth. Mit der 50 m langen, muskelkraftbetriebenen "Fahrradseilbahn" kann die recht gefährliche Straße zwischen Binsförth und Beiseförth am westlichen Fuldaufer umgangen werden. In der Straße gibt es auch eine steile Kuppe, die nun ebenfalls nicht mehr bewältigt werden muss. Die neue Attraktion ist bei 51.07257 9.55607 in Openstreetmap zu finden. Die Bahn wurde als Ersatz für eine angedachte Fahrradbrücke über die Fulda errichtet, die bedeutend mehr gekostet hätte (750.000 €). Auch ein Radweg an der Bundesstraße am östlichen Ufer wäre bedeutend teurer als die Seilbahn gekommen. Die Anlage hat den Anliegergemeinden Morschen und Malsfeld insgesamt 134.000 Euro gekostet. 70 % der Kosten hat das Land Hessen als Zuschuss übernommen (laut Artikel in der FAZ vom 20. Mai 2009)

Der offizielle Name der Bahn lautet übrigens "Seilfähre". In den Medien und unter den Radreisenden hat sich jedoch der Name "Fahrradseilbahn" etabliert. In der Wikipedia liegt die Seilfähre dagegen universeller unter "Fuldaseilbahn Beiseförth". Das ist natürlich korrekter als "Fahrradseilbahn", denn natürlich kann auch jeder Fußgänger ohne Rad die Bahn nutzen. In diesem Artikel soll aber weiter von "Fahrradseilbahn" die Rede sein, denn hier wird die Konstruktion ausschließlich aus Sicht des Radverkehrs betrachtet.

Funktion und Bedienung

Die Gondel der frei zugänglichen Selbstbedienungsbahn fasst 4 Personen jeweils mit Fahrrad. Der Transportkorb besitzt eine mechanische Überlastsicherung, die die Bahn bei mehr als 400 kg Zuladung blockiert. In der Gondel ist ferner ein Notrufmelder montiert, mit dem eine rund um die Uhr besetzte Servicestelle alarmiert werden kann. Auch eine Mobilfunknummer, die man im Notfall anrufen kann, ist angegeben. Die Fahrt über die Fulda in 1,5 bis 2 m Höhe dauert etwa 5 Minuten, bei der die Gondel von zwei Passagieren per Handkurbel vorwärts bewegt werden muss. Der Rekord liegt laut Christian Schäffer vom Ingenieurbüro Intium übrigens bei 3 Minuten (dann Schmerzen allerdings die Schultern, siehe auch Artikel auf SPIEGELONLINE vom 20. Mai 2009). Falls man Pech hat, muss man allerdings erst die leere Gondel per Handkurbel vom anderen Ufer hinüber holen. Dann benötigt man mehr als 5 Minuten für die Passage. Zum Holen der Gondel ist an beiden Masten der Bahn jeweils eine Kurbel montiert.

Geplant und gebaut wurde die Bahn vom Ingenieurbüro Intium in Melsungen zusammen mit Seilbahnspezialisten von der Firma Reisch aus Österreich sowie der Firma Metallbau-Schmidt aus Malsfeld. Auf der Seite der Firma Reisch ist auch die Projektbeschreibung zur Seilfähre einsehbar. Abgenommen wurde die Bahn nach der europäischen Seilbahnrichtlinie "EU-Richtlinie 2000/9/EG". Diese Richtlinie ist für speziell Interessierte auf der Seite des Amtes für Veröffentlichungen der Europäischen Union einsehbar (als PDF-Datei mit 28 Seiten Text im Format Din A4).

Die langsamste Seilbahn der Welt: Mit 0,6 km/h über die Fulda

Im Oktober 2009 bekam ich durch einen anderen Autor auf Wikivoyage den entscheidenen Anstoß, um die Bahn endlich mal zu besuchen. Er hatte auf der Diskussionsseite zum Fuldaradweg seine Erfahrungen mit der Bahn niedergeschrieben. So fuhr ich an einem recht sonnnigen Oktobernachmittag mit dem Zug hinaus nach Morschen. Von dort startete ich meine Radtour zur Seilbahn.

An der Bahn angekommen, musste ich warten, da die Anlage genutzt wurde. Nachdem die Gruppe sich auf meine Flussseite hinübergekurbelt hatte, konnte ich die Fahrt antreten. Da sonst niemand da war, bestieg ich alleine die Gondel. Daher war für mich auf der Passage erhöhter Krafteinsatz gefragt. Auf die Handkurbeln muss laut Pressemeldung vom 16.06.2009 von NordHessen Touristik ein Druck von etwa 15 kg ausgeübt werden (Pressemitteilung war im Jahre 2010 mal unter www.kassel-land.de zu lesen).

Am Anfang der Passage kurbelte es sich sehr leicht, da das Trageseil der Bahn etwas durchhing. Dafür musste man am anderen Ufer mit mehr Krafteinsatz wieder etwas bergauf. Während der Fahrt hatte die Gondel bei mir in der Flussmitte übrigens gehüpft, da die Konstruktion etwas federte.

Das Kurbeln mit dem gleichzeitigen Hinziehen zum Körper war nicht gerade ergonomisch. Probleme bereitete während der Fahrt teilweise die Kupplung der Antriebskurbel in der Gondel, die ich betätigte. Die Kurbel musste zum Körper hingezogen werden, damit sie einrastete. Beim Drehen kuppelte sich die Kurbel schon mal öfters aus und man drehte ins Leere. Das nervte. Dann musste man die Kurbel erst wieder einrasten.

Noch eine halbe Stunde nach meiner Testfahrt spürte ich meine Schulter. Da ich aufgrund dieses Problems keine Lust mehr auf eine Radtour Richtung Kassel hatte, setzte ich mich schon in Beiseförth wieder in den Zug. Nach der erholsamen Zugfahrt spürte ich meine Schulter in Kassel Gott sei Dank nicht mehr.

Wohl in der ersten Hälfte des Jahres 2010 wurden an der Bahn neue Kurbeln montiert (siehe auch Bild rechts vom September 2010). In wie weit damit die oben geschilderten Probleme behoben sind, kann ich aber nicht sagen, da ich seit dem nicht mehr an der Bahn vor Ort war.

Testergebnis mit Stand 10-2009:

Die Seilbahn ist eine nette Idee, aber eine Brücke kann sie bei weitem nicht ersetzen und das nicht nur aufgrund der angesprochenen eher unergonomischen Bedienung. Weitere Problempunkte der Bahn im Vergleich zur Brücke:

  • Stark eingeschränkte Transportkapazität der Anlage, durch die sehr langsame Fahrt: Bei einer angenommen durchschnittlichen Fahrzeit von 5 Minuten kann die Anlage pro Stunde gerade einmal etwa 48 Personen je Richtung transportieren. Und das ist noch positiv gerechnet, denn eigentlich muss man ja noch die Ein- und Ausstiegszeiten zur Fahrzeit dazu zählen. Realistisch sind daher eher 40 Personen pro Stunde. Zum Beispiel benötigt eine Radgruppe mit nur 20 Personen etwa 35 - 40 Minuten, bis sie komplett über die Fulda gesetzt hat (5 Fahrten a 4 Personen * 5 Minuten + 4 bis 5 mal je 2 bis 3 Minuten Rückholen der Gondel). Falls noch Gegenverkehr da ist, dauert es natürlich noch etwas länger (45 bis 50 Minuten).
  • Keine Fahrt im Winterhalbjahr, obwohl die Seilbahn auch auf der Route des Alltagsradverkehrs zwischen den Dörfern Binsförth und Beiseförth und allgemein im Fuldatal liegt.
  • Keine Fahrt im Sommerhalbjahr bei schlechtem Wetter, Nebel und Hochwasser - Die Benutzung ist laut Bedienungsanleitung an der Bahn vor Ort nicht zulässig.
  • Körperlich schwächere Menschen wie z. B. ältere Senioren im Elektrofahrstuhl können die Bahn ohne fremde Hilfe nicht nutzen. Dieser Gruppe, die eine sichere Alternative zur Straße am dringendsten benötigt hätte, wurde mit der Bahn überhaupt nicht geholfen.
Fazit:

An rein touristischen Routen möglichst komplett ohne Alltagsradverkehr kann eine weiter entwickelte Fahrradseilbahn eine gute Allternative zur Brücke darstellen - besonders bei längeren, kostenintensiven Brückenschlägen mit breiterer Spannweite. Oder evtl. auch noch an Routen mit wenig Alltagsradverkehr, wenn sich eine komplett neue Wegestrecke für den Alltagsverkehr ergibt. Hierbei müssen aber das Verhältnis von "Fährzeit" zu Umwegzeit in sinnvollem Verhältnis zu einander stehen (z. B. bei Einsparung von 5 oder mehr Kilometern Umweg auf einfacher Strecke). Die weiter entwickelte Version der Bahn sollte mit einem Tret- oder Elektroantrieb ausgestattet werden. Am besten wäre auch eine etwas größere Gondel für 6 - 8 Personen, die auf zwei parallelen Seilen geführt würde. Dadurch wäre die Konstruktion sehr spurstabil. Eine breitere Gondel ist mit nur einem Seil wohl nicht machbar, da die Bahn bei voller Beladung bereits jetzt teilweise schwankt. Durch den Tretantrieb könnten bedeutend höhere Fahrgeschwindigkeiten erreicht werden (z. B. 6 bis 8 km/h statt momentan nur 0,6 km/h). Dadurch würde auch die Transportkapazität der Bahn enorm steigen.

Am Standort der jetzigen Fahrradseilbahn wäre dem Radverkehr mit einer Brücke bedeutend mehr geholfen gewesen. Binsförth und Beiseförth liegen nur etwa 3 km auseinander (Fahrzeit rund 10 Minuten bei z. B. 18 km/h), Die Strecke ist eben und mit einer Asphaltdecke gut ausgebaut - bis auf den "Problempunkt" Seilfähre. Wer als Alltagsradler nur mal schnell ins Nachbardorf möchte, für den ist die Fahrradseilbahn ein echtes Hindernis. Falls er die Gondel noch holen muss, verlängert sich die Fahrzeit im schlimmsten Fall um 7 - 8 Minuten und er riskiert auch noch schmerzende Schultern, falls er alleine über den Fluss muss.

Da setzt sich die große Mehrzahl für Alltagswege verständlicherweise weiterhin ins Auto. Bei schlechtem Wetter und im Winterhalbjahr ist die Verbindung dann auch noch unterbrochen. So bekommt man niemanden auf das Fahrrad. Für wetter- und winterfeste Radfahrer bleibt also auch weiterhin nur die nicht ungefährliche Landstraße mit dem großem Hügel. Von der neuen Verbindung profitieren sie nicht.

Fazit: Als "alter Seilbahnliebhaber" ist die Bahn für mich eine schöne, innovative Idee, die noch ausbaufähig ist. Allerdings passt das Konzept überhaupt nicht zu diesem Standort, da sich für den Alltagsradverkehr nicht viel verbessert hat. Zwischen Binsförth und Beiseförth wäre eine teurere Brücke die bessere Option gewesen. Auch mit Seilbahn fehlt weiterhin eine gute Verbindung für den Alltagsradverkehr. An rein touristischen Routen ohne Alltagsradverkehr kann eine weiterentwickelte Version der Seilfähre aber als echte Alternative zu einer Brücke in Frage kommen.

Nachtrag: Kurt Drese aus Elfershausen hat mich dankenswerterweise noch auf einen Artikel von Ihm zur Seilbahn aufmerksam gemacht. Interssant ist hier vor allem die offizielle Pressemiteilung des hessischen Ministeriums für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung zur Fahrradseilbahn vom 2009. Diese war mir bei meinen Recherchen 2009 doch glatt "durch die Latten gegangen". Im Text hieß es 2009 u. a. das die Bahn angeblich ganzjährig nutzbar wäre. Da wußte wohl der Bauherr über seine eigenen Projekte nicht so genau Bescheid... Der lesenswerte Artikel über die Fahrradseilbahn ist hier auf Kurt Dreses Seite zu finden (man beachte auch den Kommentar eines Lesers am Ende dazu).

Andere Baustelle, aber dasselbe Problem: An der Werra bei Witzenhausen-Werleshausen war man Mitte März 2011 übrigens dabei, genau denselben Fehler wieder zu machen. Es war allerdings Kommunalwahlkampf. Danach wurde die Idee Gott sei Dank wieder verworfen.

Die Realisiung von zwei sicheren, komfortablen und auch kurzen Routen für den Alltagsradverkehr zwischen Werleshausen und Oberrieden bzw. Werleshausen und Lindewerra ist im Prinzip nur mit einem Brückenschlag im Bereich der Bahnbrücke möglich. Das einfachste wäre es, einen Steg an die Bahnbrücke "anzuflanschen". Angeblich stellt sich die Bahn aber bei dieser kostengünstigen Lösung quer. Wenn sich das nicht ändern lässt, muss leider eine teurere separate Rad- und Fußgängerbrücke im Bereich der Bahnbrücke errichtet werden. Eine Fahrradseilbahn wäre hier echt nur verschwendetes Geld und blockiert auf Jahrzehnte hinaus eine sinnvolle Lösung für den Alltagsradverkehr in diesem Teil das Werratals. Wenn die Seilbahn dann da ist, heisst es dann: "Brücke wieso ? Ihr habt doch schon die Seilbahn!" und es wird natürlich weiter mit dem KFZ zum nächsten Dorf gefahren. Also: Lieber noch ein paar Jahre warten, jährlich Geld zurücklegen und dann eine Brücke bauen. An der werden alle lange Freude haben.

Gesamtansicht der Anlage (Bild: 10-2009).



Oktober 2009: Blick auf die alten, sehr unergonomischen Kurbeln in der Gondel. Im Jahre 2010 erreichte mich über Wikivoyage die Nachricht, dass die Kurbeln mittlerweile getauscht worden seien. Nun sind Schwungräder zum Drehen montiert. Mit diesen neuen Antriebselementen habe ich die Bahn aber noch nicht Probe gefahren.



Bahn mit den neuen Schwungrädern im September 2010. In der Gondel wurden ebenfalls diese neuen Schwungradkurbeln montiert. Ich selbst kenne die Bahn mit den neuen Kurbeln noch nicht. Mit dieser am Ufer montierten Kurbel kann man die Passagiere während ihrer Fahrt vom Ufer aus unterstützen. An beiden Stationen der Bahn gibt es solch eine Hilfskurbel für die Fahrgäste. Danke an Gerhard Peter für den Bildausschnitt.



Seitenansicht der Gondel mit Rettungsring.



Hochwassermarke am gegenüberliegenden Ufer: Ist der schwarze Strich im Wasser, darf die Bahn laut Aushang nicht mehr genutzt werden. Wie oft die Fulda diese Marke überschreitet, kann ich nicht sagen, aber eigentlich führt die Fulda dann zumindest am Standort der Bahn noch nicht übermäßig viel Wasser. Hintergrund ist evtl. eher, dass sich ab diesem Wasserstand Kanuten an der Gondel den Kopf stoßen könnten. Offizielles über die Höhe der Hochwassermarke weiß ich aber nicht. Generell gilt laut Bedienungsanleitung der Bahn sowieso die Regel, dass man erst mit der Überfahrt starten darf, wenn der Fluss frei ist.




Exkurs: Lippefähre "Quertreiber" bei Wesel am Niederrhein: Am 1. Mai 2005 wurde an der Lippe, wenige Kilometer südöstlich der Stadt, die Lippefähre "Quertreiber" eingeweiht. Technisch handelt es sich bei der Selbstbedienungsfähre um eine Gierseilfähre, die hier die 35 m breite Lippe quert. Die Gierseilfähre nutzt die Kraft der Strömung zur Fortbewegung. Liegt das Schiff gerade an der falschen Seite, kann man es mit einer Kette herüberziehen. Die Fähre fasst 6 Personen mit Fahrrad. Auch eine Besonderheit des Projekts: Die Fähre wurde weitgehend im Rahmen des bürgerschaftlichen Engagements realisiert. Große Teile des Projektaufwandes konnten über Sach-, Geld- oder Arbeitsspenden realisiert werden. 2006 erhielt das Projekt den Preis "Best for Bike" in der Kategorie "Fahrradfreundlichste Entscheidung". Weitere Infos: Die Fähre als Praxisbeispiel im Nationalen Radverkehrsplan. Wikipediaartikel "Gierseilfähre" für den technischen Hintergrund.


























© Dirk Schmidt 01-11-2012 -> zurück zur Startseite

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